Wohngruppe "Tannenhof"
KONZEPTION
Fachlicher Konstrukt der Konzeption
1. Strukturelle Rahmenbedingungen
(Worin besteht das Setting?)
2. Personenkreis und pädagogischer Auftrag
(Mit welchen Entwicklungsbedingungen und Belastungen haben wir es zu tun?)
3. Pädagogische und fachliche Handlungskompetenz
(Wie wirken unsere Strukturen und unsere Mitarbeitenden stabilisierend?)
4. Entwicklungsziele und Zukunftsperspektive
(Welche Vision verfolgen wir?)
1. Strukturelle Rahmenbedingungen
Die Wohngruppe verfügt über eine Betriebserlaubnis für Kinder und Jugendliche im Alter von drei bis achtzehn Jahren. Gegenwärtig leben hier Kinder im Alter zwischen drei und zehn Jahren. Die bewusst kleine Gruppengröße ermöglicht eine hohe Beziehungsdichte sowie eine individuell ausgerichtete heilpädagogische Begleitung. Sie schafft einen überschaubaren, verlässlichen Lebensraum, in dem Sicherheit, Orientierung und emotionale Stabilisierung entstehen können.
Das Wohnhaus bietet den Kindern eine familienähnliche Lebensumgebung mit großzügigen Gemeinschaftsbereichen sowie persönlichen Rückzugsmöglichkeiten. Die räumliche Gestaltung unterstützt sowohl gemeinschaftliches Erleben als auch individuelle Erholung und Reizregulation.
Ein besonderer Bestandteil des Lebensraums ist der großzügige Garten. Dieser wird von den Kindern täglich und auf vielfältige Weise genutzt. Er bietet Raum für Bewegung, Spiel, Naturerfahrungen, kreative Aktivitäten, Rückzugsmöglichkeiten sowie gemeinschaftliche Erlebnisse. Gleichzeitig eröffnet er zahlreiche pädagogische Handlungsmöglichkeiten zur Förderung von Selbstwirksamkeit, motorischer Entwicklung, sozialem Lernen und emotionaler Regulation. Die naturnahe Umgebung wirkt insbesondere auf traumatisierte und neurodivergente Kinder reizregulierend und unterstützt die psychische Stabilisierung.
Die Wohngruppe ist in eine gut erreichbare Infrastruktur eingebunden. Bildungs-, Therapie-, medizinische und soziale Angebote können auf kurzen Wegen genutzt werden. Dadurch wird eine enge Vernetzung zwischen Wohngruppe, Schule, therapeutischen Einrichtungen sowie weiteren Kooperationspartnern ermöglicht und eine kontinuierliche Förderung im Lebensalltag sichergestellt.
2. Personenkreis und pädagogischer Auftrag
Die Wohngruppe richtet sich an Kinder mit einer geistigen oder mehrfachen Behinderung, deren Unterstützungsbedarf aufgrund der Art, Ausprägung oder Kombination ihrer Beeinträchtigungen in anderen Wohnformen nicht oder nicht mehr ausreichend gedeckt werden kann.
Die Lebensgeschichten der Kinder sind häufig durch komplexe Entwicklungsrisiken und erhebliche psychosoziale Belastungen geprägt. Neben ihrer Behinderung zeigen viele Kinder zusätzliche emotionale, kognitive oder sozial-kommunikative Beeinträchtigungen.
Hierzu zählen insbesondere:
- ausgeprägte Einschränkungen der expressiven Sprache bis hin zur fehlenden Lautsprache,
- reaktive Bindungsstörungen,
- Fetale Alkoholspektrumstörungen (FASD),
- Posttraumatische Belastungsstörungen,
- Störungen der Impulskontrolle,
- selbst- und fremdgefährdende Verhaltensweisen,
- Entwicklungsstörungen,
- körperliche Begleiterkrankungen wie Epilepsie oder Inkontinenz.
Diese komplexen Bedarfe führen häufig zu Schwierigkeiten in der Emotionsregulation, der Reizverarbeitung, der sozialen Interaktion sowie der Gestaltung tragfähiger Beziehungen. Viele Kinder erleben ihre Umwelt als wenig vorhersehbar und verfügen nur eingeschränkt über Möglichkeiten, eigene Bedürfnisse angemessen mitzuteilen oder Belastungen zu regulieren.
Die Wohngruppe versteht sich deshalb als hoch strukturierter und emotional sicherer Entwicklungsraum, der Stabilität, Verlässlichkeit und korrigierende Beziehungserfahrungen ermöglicht.
3. Pädagogische und fachliche Handlungskompetenz
Die Qualität der pädagogischen Arbeit basiert auf einer hohen fachlichen Spezialisierung der Mitarbeitenden. Alle pädagogischen Prozesse orientieren sich an einem ressourcenorientierten, entwicklungspsychologisch fundierten und traumasensiblen Verständnis kindlicher Entwicklung.
Besondere fachliche Schwerpunkte bilden:
- Traumapädagogik und traumasensibles Arbeiten,
- das Schema der emotionalen Entwicklung (SEO),
- die Begleitung von Kindern mit Fetalen Alkoholspektrumstörungen (FASD),
- ProDeMa® zur professionellen Deeskalation und Gewaltprävention.
Diese fachlichen Ansätze ermöglichen es, herausfordernde Verhaltensweisen nicht als Fehlverhalten zu verstehen, sondern als Ausdruck bislang unzureichend entwickelter Regulations- und Bewältigungsstrategien. Ziel ist stets die Schaffung emotionaler Sicherheit sowie die Förderung neuer, entwicklungsförderlicher Erfahrungen.
Ein weiterer wesentlicher Bestandteil der pädagogischen Arbeit ist die Unterstützte Kommunikation (UK). In enger Kooperation mit der Albert-Schweitzer-Schule wird ein gemeinsames Kommunikationskonzept umgesetzt, sodass alle Lebensbereiche der Kinder auf denselben kommunikativen Grundlagen aufbauen.
Die Unterstützte Kommunikation ermöglicht Kindern mit eingeschränkter Lautsprache, ihre Bedürfnisse, Gefühle, Wünsche und Gedanken verständlich auszudrücken. Dadurch werden Frustration, Missverständnisse und Überforderung deutlich reduziert.
Gleichzeitig entstehen vielfältige positive Entwicklungsprozesse:
- die psychische Stabilität nimmt zu, weil die Kinder erleben, verstanden zu werden und Einfluss auf ihre Umwelt nehmen zu können,
- die Reizverarbeitung verbessert sich, da Unsicherheiten und kommunikative Überforderung reduziert werden,
- das Selbstwertgefühl wächst durch wiederkehrende Erfahrungen von Selbstwirksamkeit,
- soziale Beziehungen können sicherer gestaltet werden, weil Kommunikation gelingt,
- Konflikte und herausfordernde Verhaltensweisen nehmen häufig deutlich ab, da Bedürfnisse angemessen ausgedrückt werden können.
Kommunikation wird damit nicht ausschließlich als sprachliche Kompetenz verstanden, sondern als grundlegende Voraussetzung für Teilhabe, Beziehungsgestaltung, Identitätsentwicklung und psychische Gesundheit.
4. Entwicklungsziele und Zukunftsperspektive
Die pädagogische Arbeit orientiert sich konsequent an den Entwicklungsmöglichkeiten jedes einzelnen Kindes. Im Mittelpunkt steht nicht die Begrenzung durch bestehende Beeinträchtigungen, sondern das vorhandene Potenzial.
Das übergeordnete Ziel besteht darin, jedem Kind den größtmöglichen Grad an Selbstständigkeit, Selbstbestimmung, sozialer Teilhabe und persönlicher Verantwortung zu ermöglichen.
Ein besonderer Schwerpunkt liegt dabei auf der Entwicklung tragfähiger Alltagsstrukturen. Kinder benötigen wiederkehrende Erfahrungen von Verlässlichkeit, Orientierung und sinnvoller Aktivität, um langfristig psychische Stabilität und Handlungskompetenz aufzubauen.
In enger Kooperation mit der Albert-Schweitzer-Schule wird daher großer Wert auf eine kontinuierliche und positive Teilnahme am schulischen Leben gelegt. Schule wird nicht ausschließlich als Bildungsort verstanden, sondern als zentraler Entwicklungsraum für soziale Integration, Selbstwirksamkeit und Zukunftsgestaltung. Die regelmäßige Teilnahme am Unterricht sowie die Verinnerlichung einer ausgewogenen Tagesstruktur aus Anforderungen, Aktivität, Erholung und Freizeit bilden wesentliche Grundlagen für eine gelingende Persönlichkeitsentwicklung.
Langfristig verfolgt die Wohngruppe das Ziel, die Kinder so zu begleiten, dass sie als junge Erwachsene ein möglichst selbstbestimmtes Leben führen können. Dazu gehören die Fähigkeit, eine verlässliche Tagesstruktur eigenständig aufrechtzuerhalten, soziale Beziehungen verantwortungsvoll zu gestalten sowie – entsprechend den individuellen Möglichkeiten – einer beruflichen Tätigkeit oder einer geeigneten Form der Beschäftigung dauerhaft nachzugehen.
Die konzeptionelle Ausrichtung versteht Entwicklung deshalb nicht als Anpassung an Defizite, sondern als einen kontinuierlichen Prozess der Entfaltung vorhandener Fähigkeiten. Jeder pädagogische Schritt dient dem Ziel, die Kinder zu selbstbewussten, handlungsfähigen und gesellschaftlich teilhabenden Persönlichkeiten heranwachsen zu lassen.


